Monday, November 1, 2010

Eine andere Liebesgeschichte

Das war eine eher ungewöhnliche Liebesgeschichte, die in München geschah..

Es hat geregnet. Genervt, suchte er nach einem Parkplatz auf einer schmalen Münchner Straßen. Er hatte es eilig – es war kalt und windig, er wollte so schnell wie möglich nach Hause, aber vorher musste er noch schnell Brot kaufen. „Verdammt! Nie findet man hier einen Parkplatz, vor allem wenn man’s eilig hat!“, dachte er. Plötzlich hat sich eine kleine Lücke ergeben, groß genug aber, damit er sein Wagen parken konnte. Bis zur Bäckerei musste man aber ein Stück gehen, was ihm die Laune nicht verbesserte. Zügig verließ er sein Auto  und fing an beim Blumengeschäft die Straße zu überqueren. Plötzlich musste er sich umdrehen. Direkt vor dem Geschäft unter einem schönen Regenschirm stand eine Frau. Durch das Schaufenster schaute sie sich gelbe Chrysanthemen an und lächelte. Sie hatte eine dunkelrote Jacke und kleine weiße Mütze   an, die auf ihren dunklen Haaren sehr schick aussah. Die Frau bewunderte die Blumen, sehr in ihren Gedanken vertieft, was einen Eindruck vermittelte, als würde sie sich etwas überlegen.
Plötzlich hatte er es nicht mehr eilig. Auf einmal hatte er das Gefühl, dass  er an diese Frau nicht einfach vorbei gehen möchte. Der Regen und Wind waren unwichtig, weil sie sie mit ihrem schönen Regenschirm und leuchtenden braunen Augen unscheinbar machte.  Er wünschte sich so sehr, dass er die Frau kennen würde. Er kannte sie aber nicht und  wusste  nicht so richtig, was er ihr sagen könnte. Ihm wurde klar, dass der einziger Grund, warum die Frau sich die Blumen ansah war, dass sie den einzigen farbenfrohen Fleck in der ganzen grauen Straße an diesen verregneten Herbstabend darstellten.
Unerwartet für sich selbst sagte er“ Entschuldigung, wie spät ist es?“ Aus ihren Gedanken rausgerissen, blickte sie schnell auf ihren Arm. „Oh, ich habe keine Uhr, sagte sie verlegen. Aber ich habe ein Handy. Warten sie bitte!“ Ihm wurde es peinlich. Er hatte selbst ein Handy, jeder hat wohl heutzutage eins. „Keine Eile“, sagte er. „Es ist 19:17Uhr, sagte sie und lächelte. Danke, sagte er. Sie haben einen sehr schönen Regenschirm. Sowas sieht man selten…“ „oh, das ist sehr nett …Dieser Regenschirm sollte mit seinen Farben und Muster an Cuvilliés Theater bei der Residenz erinnern, deswegen habe ich ihn auch gekauft. So habe ich beim schlechten Wetter ein Stück Kunst immer dabei. So fühlt man sich wie eine Prinzessin…“, lachte sie.  Erstaunt musste er feststellen, dass es ihm gefiel, was sie sagte. Sie war sehr mädchenhaft und natürlich. „Gefallen Ihnen diese Chrysanthemen? Ich finde, sie sehen fast genauso aus, wie die von Renoirs Bild „ Vase mit Chrysanthemen“- so festlich, aber auch so einfach! Kennen Sie das Bild?“ Er kannte das Bild nicht, hat sich aber fest vorgenommen, es im Internet zu finden, um zu verstehen was sie meint und etwas näher zu ihr zu kommen…
„Sie werden ja sehr nass!“ Sagte die Frau plötzlich und lachte. „Sie müssen sich also beeilen!“. „ja, ich weiß“, sagte der Mann verlegen. „Es macht aber nichts, ich wollte mal schnell Brot holen, aber jetzt komme ich wohl zu spät – die Bäckerei hat schon zugemacht.  Kann ich Sie irgend-wohin mitnehmen?“fragte er voller Hoffnung, dass sie ja sagt und er noch ein bisschen Zeit mit ihr verbringen wird. „ Oh danke sehr, aber ich wohne nicht weit weg von hier. Ich gehe gerne zu Fuß. Gehen Sie am besten schnell zu Ihrem Auto zurück, sonst werden Sie noch krank!“, sie lachte. „ Mache ich, aber unter einer Bedingung – ich möchte Dich unbedingt wiedersehen…. Ginge es?“.Er konnte nicht glauben, dass er das wirklich gesagt hat. Er spürte seinen erhöhten Herzschlag in seinen Ohren. „ Bitte Gott!! Gebe mir diese eine Chance…Nur noch dieses eine Mal, bitte..!! “, dachte er. „ Darf ich Sie anrufen?“ er hatte das Gefühl, dass sein ganzes Leben davon abhängt, was sie jetzt sagt. Sie zögerte. „Ich kenne Dich gar nicht“, sagte sie leise, „aber ich vertraue Dir – ich weiß selbe nicht warum... Hier ist meine Nummer. Ruf mich am Wochenende mal an, wenn Du möchtest.“
„Ich heiße übrigens Diane“, sagte sie plötzlich ernst. „und Du?“   „Ich – Markus.“ Dann sahen sie sich in die Augen. Den beiden wurde klar, dass da gerade ganz was Wichtiges passierte. Sie kannten sich fast nicht und hatten sich nicht mehr viel zu sagen, aber sie wollten, nein sie konnten sich  einfach nicht einfach so verabschieden.
Schließlich sagte sie:“ Also gut, bis später…Ich muss noch etwas an meine Übersetzung von Boris Pasternaks Gedicht „Winternacht „arbeiten. Das Gedicht ist sehr schön. Es fängt so an:“
Die Welt verschneit Baum und Gebüsch
Traumhaft verwandelt
Die Kerze brannte auf dem Tisch,
die Kerze brannte…

Als wenn ein Mückenschwarm es war
rund um die Flamme,
flogen die Flocken wirbelnd her
zum Fensterrahmen .
 
Der Frost ein wirres Bildgemisch
ans Fenster bannte.
Die Kerze brannte auf dem Tisch,
die Kerze brannte…
„Es ist sehr schön“, sagte Er, „gibt es denn etwas, was Du nicht kannst?“, fragte er bewundert. „Das ist aber noch nicht alles“, sagte sie geheimnisvoll. Ich lese es Dir vor, wenn ich fertig bin. Sie lächelte ihn an. Na …bis später..“ Wie verzaubert wiederholte Er:“bis später“ und sie ging.
 Er stand da im Regen und sah ihr hinterher bis sie nicht mehr zu sehen war. Plötzlich wusste er, dass er hätte sie nicht gehen lassen. Er schaute sich um, um verwundert feststellen zu müssen, dass die Welt jetzt ganz anders ist, dass sie trotz Regen und Wind wärmer und heller wurde und dass nichts im Leben das jetzt ändern könnte. Sie ist wie ein bunter Blumenstrauß in sein, wie er dachte, schwarz-weißes Leben stürmisch eingedrungen. Jetzt wird nichts mehr so sein wie früher! Er wird sie sehen, mit ihr reden,  in den Strahlen ihrer leuchtenden Augen baden können! „Danke Dir Gott, danke! Wie war’s noch mal bei „Rosenstolz“? Manchmal sind die Dinge gar nicht so, wie man’s sich vorgestellt hat, sondern besser…“
Mit diesen Gedanken ist er ins Auto eingestiegen. Charivari spielte gerade „Dream Lover“ von Bobby Darin, was sehr zum Moment passte.
Er kam nach Hause sehr aufgeregt und gut drauf. Es war Donnerstagabend. „Sie hat gesagt ich soll sie erst am Wochenende anrufen. Oh Gott, das halte ich doch nicht aus!  Ich rufe sie am Freitagabend schon an. Das ist doch fast Wochenende, oder!“ Die folgende Nacht konnte er fast nicht schlafen. Er dachte an ihr Lächeln, an ihre Stimme, an ihre Augen...Der nächste Tag dauerte, wie er dachte, eine Ewigkeit. Er konnte sich schlecht konzentrieren, dachte nur noch an sie. Komischerweise spielten in seinem Kopf ihre Wörter wie Musik: die Kerze brannte auf dem Tisch, die Kerze brannte...“. Er wusste nicht, was mit ihm los war. Er war noch nie im Leben so verliebt, diese Liebe hat auf sich warten lassen, hat ihn aber jetzt komplett überwältigt – er war glücklich, verletzlich und verwirrt wie ein Teenager.
An diesem Abend riss er sich aus der letzten Kraft zusammen und entschied, wie ausgemacht am folgenden Tag erst anzurufen. Schlafen konnte er gar nicht. Er lag auf seinem Bett in Vorahnung eines großen Glücks, wie ein Kind vor lang ersehnten Weihnachten. Wenn er mit ihr telefonieren wird, wird er ihr sagen, wie sehr er sie vermisst hat und dass er es nicht mehr aushält, sie so lange nicht mehr zu sehen! Was wird sie wohl sagen? Wird sie es erwidern? Hat sie ihn auch vermisst? Er wird ihr so viel über sich erzählen müssen, dass er so lange auf sie gewartet hat! Sein ganzes Leben!
Endlich kam Samstagmorgen. Zitternd vor Aufregung wählte er ihre Nummer. Niemand ging ans Telefon. Er wollte keine Nachricht hinterlassen. In fünf Minuten rief er nochmal an – wieder keine Antwort. Im Laufe den nächsten Stunden rief er nonstop bei ihr an. Ganz außer sich vor Sorge, dachte er, dass sie ihm eine falsche Nummer gegeben hatte. Er konnte sich aber nicht mehr beherrschen und rief ununterbrochen an. Schließlich hob jemand ab und eine ältere Stimme sagte „Hallo...“ „Hallo!“ -schrie er, -„mein Name ist Markus S. Ich hätte gerne Diane gesprochen. Ich bin ein guter Freund von ihr. Ist sie da?“ Die Frauenstimme schwieg eine Weile und sagte dann langsam:“ Diane ist gestern um etwa halb acht Uhr abends bei einem Autounfall tödlich verunglückt…“
Plötzlich wurde alles still, und schwarz, und kalt. Er spürte nichts mehr bis ihm bewusst wurde, dass er seit langem nicht mehr atmete.
Es war der Tag der Beerdigung. Er stand am Friedhof unter den weinenden Menschen, die Sie gut kannten. Es war ein kalter Novembertag. Ein Pfarrer hielt eine Rede. Dann stand ihr Vater  auf und sagte, dass es ein Gedicht gäbe, an dem Diane am letzten Tag ihres Lebens gearbeitet hat. Das war die „Winternacht“. Die letzte Nacht ihres Lebens. „Sie hat sie aber zu Ende gelebt“, dachte er.
Er wusste nicht mehr, wie er die  letzten Tage gelebt hatte. Ihm wurde plötzlich klar, dass das die einzige Liebe für ihn bleiben wird. Das Leben wurde wieder grau. Ganz deutlich hörte er, wie ihr Vater ihre letzte Botschaft an ihn vorlas:
Im Februar war Gestöber-Gischt,
im ganzen Lande.       
Und immer wieder auf  dem Tisch
die Kerze brannte…

2 comments:

  1. Schön und traurig und sehr gut geschrieben! Vielen Dank

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